Vollständiger Nadelgrat (ZS, 3b)

Als um 01:50 Uhr der Wecker klingelt, ist die kurze und eher unruhige Nacht für uns schon wieder zu Ende. Zehn Minuten später sind wir im Aufenthaltsraum und noch die ersten. Das Frühstück quäle ich mehr in mich als dass ich es genieße, was angesichts der Uhrzeit vielleicht nicht verwundert.
Kurze Zeit später tauchen die beiden Deutschen und dann die französichen Schweizer (das Tier und sein Seilpartner, der Ultratrailläufer) auf. Natürlich sind sie alle vor uns am Start. Wir schaffen es, um 02:45 Uhr die Hütte zu verlassen.

Morgens um 2:40 Uhr ist die Welt nicht in Ordnung

Als erstes biege ich gleich an der Hütte falsch ab und folge reflektierenden Katzenaugen. Zum Glück bemerke ich meinen Irrtum nach ein paar Metern und kehre um. Die Wegfindung gestaltet sich im Folgenden als nicht so schwer wie ich noch gestern vermutet habe. Das liegt unter anderem an den auch hier angebrachten Katzenaugen, die besonders in dem Teil hilfreich sind, der nach der Gletscherquerung auf ein schmales und ausgesetztes Band führt.

Im Abstieg zum Gletscher

Den Tiefpunkt des Anstiegs erreichen wir erst, als wir wieder auf dem Gletscher sind, den wir gestern schon zur Hütte hin gequert haben. Hier sind wir ca. 2750m hoch. So liegen ca. 1300 Höhenmeter bis zum Dürruhorn vor uns. Nachdem wir über das o.g. Band einen Geröllhang erreicht haben, folgen wir dem in endlosen engen Kehren bis hinauf ins Galenjoch (3303m). Dort kommen wir um 05:20 Uhr an. Ab hier beginnt die Kletterei über den Südgrat auf das Dürruhorn. Bald schon können wir die Stirnlampen ausschalten, da die Dämmerung einsetzt.

Im ersten Teil des Grates zum Dürruhorn

Kurz vor dem Sonnenaufgang, rechts das Ulrichshorn

Der Grat stellt sich als lang und stellenweise anspruchsvoll heraus. Immer wieder gibt es kurze Klettereinlagen, und die schwerste Stelle des gesamten Nadelgrates soll ebenfalls auf diesem Abschnitt zu finden sein. Wir können das im Nachhinein nicht bestätigen.

Welcher Stein wird wohl nicht herunterfallen, wenn ich ihn anfasse?

Steiler Aufschwung am Dürruhorn

Während wir noch seilfrei aufsteigen, habe ich den Eindruck, dass mir der Anstieg heute schwerer fällt als er es eigentlich sollte. Liegt es an der kurzen Nacht? Bin ich einfach nicht fit genug? Die beiden „Französisch-Schweizer“ sind natürlich längst über alle Berge, aber auch die beiden Deutschen befinden sich schon ein gutes Stück vor uns. Und mit einem Mal bemerke ich auch hinter uns Stirnlampen. Es handelt sich um eine geführte schweizer Dreierseilschaft, die offenbar zu uns aufschließt.

Ausgesetzter Grat!

Der Grat will kein Ende nehmen

Es ist schließlich 10:15 Uhr, als wir auf dem Dürruhorn (4035m) stehen, wo wir uns kurz zum ersten Viertausender des Tages gratulieren. Nun erst beginnt der klassische Nadelgrat, der über zwei weitere Viertausender bis zum Nadelhorn führt. Ich fühle mich eigentlich eher so, dass nun der Abstieg folgen könnte. Wir sind auch etwas beunruhigt wegen unserer Aufstiegszeit. Denn vom Galenjoch bis hierher sollen es laut Führer 3,5 Stunden sein. Wir dagegen haben fast 5 Stunden benötigt. Werden wir weiterhin so langsam sein, könnte es mit der Tour insgesamt knapp werden.

Auf dem Gipfel des Dürruhorns, ganz links das Nadelhorn,
davor das Stecknadelhorn, rechts davon unser nächster Gipfel, das Hobärghorn,
rechts davon der Dom

Das Wetter ist heute eindeutig auf unserer Seite. Keine Wolke trübt den Sonnenschein, die Temperaturen sind o.k., auch wenn wir schon seit einiger Zeit die winddichten Jacken tragen, was aber angesichts der Höhe nicht ungewöhnlich ist. Ebenfalls seit einiger Zeit befinden sich die Steigeisen an unseren Füßen, da der Fels im oberen Teil recht firndurchsetzt ist.
Der Blick hinüber zu den weiteren Gipfeln ist respekteinflößend. Zunächst müssen wir einen Felsgrat ca. 120m ins Dürrujoch absteigen. Dann folgen ein Firngrat und danach der felsige Anstieg auf das Hobärghorn.

Auf dem Firngrat zum Hobärghorn

Der Felsaufschwung zum Hobärghorn liegt vor uns

Wir wechseln nun zwischen gleichzeitigem Gehen am kurzen Seil und einigen lang ausgegangenen Seillängen mit Standplatzsicherung. So kommen wir um 12:40 Uhr auf dem 4165m hohen Hobärghorn an.

Auf dem Hobärghorn, links das Stecknadel-, dahinter das Nadelhorn

Von hier sehen wir im gleichnamigen Joch unter uns die zwei Deutschen und die schweizer Führerseilschaft sitzen. Offenbar sind zumindest die Deutschen also nicht viel schneller unterwegs als wir. Wenig später sind wir ebenfalls an dem Rastplatz angekommen und gönnen uns eine kleine Pause. Die Schweizer steigen vom Joch ab in Richtung zur Domhütte. Dieser Abstieg durch eine sehr steile Geröllflanke sieht sehr unangenehm aus. Die beiden Deutschen brechen gerade auf, als wir ankommen.

Die letzen Klettermeter zum Stecknadelhorn

Der Aufschwung zum Stecknadelhorn beträgt zwar nur 100 Höhenmeter, aber die wollen über einen teils scharfen, firndurchsetzten Felsgrat auch erst einmal erklommen werden. Wir beginnen mit dem Aufstieg und 13:20 Uhr. 50 Minuten später sind wir auf dem 4241m hohen Gipfel.

Der Gipfel des Stecknadelhorns, dahinter links das Hobärg- und rechts das Dürruhorn

So langsam steht mein Energietank auf Reserve, aber noch ist die Tour nicht zu Ende, denn vor uns wartet das Nadelhorn.

Hier gibt es zwei Möglichkeiten: entweder den Gipfel auch noch besteigen und damit weiterhin in steilem Fels aufsteigen. Oder aber dort, wo der vom Stecknadelhorn kommende Firngrat in den Fels übergeht, den Gipfel in einem 45 Grad geneigten Firnhang umgehen. Letzteres bietet sich nur bei guten Firnverhältnissen an. Die scheinen vorzuliegen, denn es gibt eine Spur. Trotzdem wollen wir zunächst lieber über den Gipfel gehen, da uns die Flanke doch sehr steil vorkommt.

Als wir bei den Felsen ankommen, treffen wir auf die beiden Deutschen, die sich dort gerade abmühen. Nun müssten wir auch noch auf die beiden warten, und die Felskletterei sieht auch anspruchsvoll aus. Also entscheiden wir, doch zu der Querung wieder ein paar Meter zurückzugehen und es dann dort zu probieren.

Jan Oliver in der Querung unter dem Nadelhorn

Wir packen das Seil ein, da es sinnlos ist, in einer solchen Flanke am Seil zu gehen. Zunächst ist die Spur gut und der Firn ebenfalls. Dann folgt eine Passage, wo die Spur um einen kleinen Felssporn herumführt. Hier wird es kurz etwas unangenehm, da die Firnauflage dünn wird und darunter das Eis hervortritt. Konzentriert setze ich Fuß für Fuß. Jetzt bloß nicht hektisch oder nachlässig werden. Nach ein paar Metern wird das Gelände wieder besser, und der Firngrat, über den der Normalweg auf das Nadelhorn führt, kommt immer näher. Schließlich habe ich es geschafft. Allerdings stehe ich nun in einem regelrechten Sturm. Jan Oliver ist ein Stück hinter mir und kämpft sich auch konzentriert dem Grat entgegen.

Im Abstieg vom Nadelhorn

Es ist 15:45 Uhr, als wir den Abstieg beginnen. Wir werden von starken Windböen, die uns fast aus dem Gleichgewicht bringen, begleitet. Die Umgehung eines kleinen Felsaufschwungs im Eis erfordert noch einmal unsere ganze Aufmerksamkeit. Schließlich erreichen wir das „rettende“ Windjoch nach weiteren 50 Minuten. Hier sind die Schwierigkeiten endgültig zu Ende, auch wenn der anfangs steile Hang hinunter an den Beginn des Gletschers noch sauberes Steigeisengehen erfordert.

Dort angekommen, legen wir Steigeisen, Gamaschen, Gurte und Sicherungsmaterial ab und verstauen das Seil. Währenddessen kommen die beiden Deutschen an und sind ebenso erschöpft von dem Anstieg wie wir. Mehr oder weniger gemeinsam erreichen wir die Mischabelhütte (3329m). Es ist 18:20 Uhr, und so haben wir für die Überschreitung 15h35min. benötigt! Wir fallen mehr als das wir uns in die Gaststube setzen, wo es zehn Minuten später das Abendessen gibt. Das nenne ich mal Timing!

Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch, super Leistung!

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  2. Spektakuläre Bilder. Muss eine eindrucksvolle Tour gewesen sein!

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