Dent des Rosses 3613m (L, II)

Die heutige Nacht mussten wir im Lager verbringen, da alle Zimmer bereits ausgebucht waren, als ich die Reservierungen für der Hütte vorgenommen hatte. Leider hat auch niemand mehr abgesagt, und so geschieht, was geschehen musste: zwei Plätze neben Jan Oliver klingt es nach kurzer Zeit so, als ob der Mann demnächst den Erstickungstod erleiden müsste. So bleibt mir nur, den Geräuschpegel mit Hilfe von Ohrstöpseln auf ein erträgliches Maß zu senken und zu hoffen, dass Jan Oliver den Wecker schon hören wird.

Tatsächlich werde ich erst durch ein beinahe zärtliches Rütteln wach. Die Uhr zeigt 4:50, was ja beinahe schon eine Langschläferzeit ist, wenn man in den Westalpen unterwegs sein will. Nach dem ordentlichen Frühstück kommen wir um 6:00 Uhr los.

Steiler Aufschwung an der Pigne de la Le

Im Gegensatz zu gestern sind heute einige Seilschaften unterwegs. So befindet sich eine Dreierseilschaft, bestehend aus etwas älteren Herren, direkt vor uns. Die Folge ist, dass ich, der heute vorneweg geht, das unterschwellige Bedürfnis habe, mich nicht abhängen zu lassen. Daher sind wir in beinahe der halben Zeit am Gletscher, wobei wir allerdings ein wenig mehr pumpen als gestern.
An dieser Stelle ein paar Worte zu unserem heutigen Ziel: eigentlich haben wir den Grand Cornier auf dem Plan. Diesen Berg versuchten wir schon letztes Jahr und mussten leider wegen der Verhältnisse in der Eisflanke aufgeben.

Blick zum Dent des Rosses in Bildmitte und Pointes de Mourti rechts

Dieses Jahr nun haben wir zwar zwei Eisgeräte mit auf die Hütte genommen. Allerdings werden die uns auf dem verschneiten Grat wenig nutzen. Denn wegen des heftigen Schneefalls vor ein paar Tagen, der uns ja auch schon gestern schwierige Verhältnisse beschert hat, ist der Nordgrat sicher ebenfalls sehr problematisch. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass wir wegen der ungewollt langen Tour gestern uns nicht fit fühlen für ein derartiges Unternehmen. Kurzum, wir haben beschlossen, stattdessen heute auf den Dent des Rosses zu gehen.

Der Normalweg ist nicht schwer (mit F bewertet), und auf diese Weise erreichen wir den Gipfel doch noch. Wir entscheiden uns, nicht direkt unterhalb des Grates zwischen Mourti und Rosses aufzusteigen, sondern auf der gegenüberliegenden Seite des Gletschers den Aufstiegsweg zu nehmen, der auch zum Grand Cornier führt. Die Verhältnisse auf dem Gletscher sind sehr gut, der Firn trägt noch, und so genießen wir nach einem kurzen, steilen Aufschwung den Weiterweg, der uns bei gutem Wetter schöne Ausblicke hinunter ins Zinaltal und zu den gegenüberliegenden Viertausendern beschert.

Am Grat der Bouqetins

Querung durch die Spalten von Ost nach West

Irgendwann müssen wir die Spur verlassen und uns einen Weg durch den von großen Spalten durchzogenen Gletscher hinüber auf die andere Seite suchen. Das gelingt uns ohne Probleme. Nun folgt wiederum ein steileres Firnfeld in einen kleinen Sattel. Von hier aus beginnt ein von Firn durchzogener Felsaufschwung, der auf den Gipfel führt. Wir lassen die Rucksäcke und das Seil liegen und nehmen nur die Pickel mit. Bis auf eine kurze plattige Stelle direkt vor dem Gipfel stellen sich keine Hindernisse in den Weg.

Am felsigen Gipfelaufschwung

Nach vier Stunden Gesamtzeit stehen wir schließlich auf dem 3613m hohen Dent des Rosses und genießen die Rundumsicht. Hinter uns folgt eine Dreierseilschaft, die sich sicher über die von uns gelegte Spur freut.



Blick vom Gipfel zum Grand Cornier und zum Dent Blanche

Hinter dem Gipfelsteinmann erheben sich von links nach rechts das Weißhorn,
das Zinalrothorn und das Obergabelhorn

Wir bleiben nicht lange, da es nicht sehr gemütlich hier oben ist, sondern steigen wieder zu unseren Rucksäcken ab. Hier genehmigen wir uns noch einen leckeren Snack in Form eines Müsliriegels, bevor wir um 10:30 Uhr mit dem Abstieg beginnen. Der Firn wird leider zunehmend weich. Trotzdem kommen wir gut voran. Wir gehen nun direkt unter dem Grat entlang und treffen bald auf die Spur, die wir am Vortag gelegt haben.

Abklettern in den Gipfelfelsen

Nach einer guten Stunde sind wir wieder am Gletscherende angekommen, wo wir uns, wie schon gestern, etwas Deftiges in Form eines Landjägers gönnen. Um kurz vor 13 Uhr sind wir wieder an der Hütte, essen noch den Rest Kuchen von gestern, packen zusammen und steigen eine halbe Stunde später ab.

Rucksackpacken an der Hütte

Es ist wirklich viel Betrieb heute. Das zeigt sich auch an der Zahl der Tagesgäste, von denen nun etliche mit uns am Absteigen sind. Da ebenfalls eine Reihe von „Aufsteigern“ unterwegs ist, ist einiges auf dem schmalen und steilen Pfad unterwegs.

Nach einer Stunde erreichen wir unser Auto. Nun müssen wir noch ca. anderthalb Stunden bis zu unserer Unterkunft in St. Niklaus im Mattertal fahren. Die kleine Wohnung befindet sich in einer ausgebauten Walliser Holzhütte und ist schon recht speziell. Der Schlafraum ist über eine Leiter aus dem Wohnraum zu erreichen, die für Nicht-Kletterer sicher ein Problem darstellt. Dort oben kann man dann bestenfalls noch knien, ohne sich den Kopf zu stoßen. Aber insgesamt ist die Unterkunft nicht schlecht ausgestattet.

Stylische Wohnungseinrichtung

Wir werfen noch zwei Pizzas in den Ofen, die wir allerdings genau nach Anleitung und damit zu lange dort drin lassen. Aber dank unseres Hungers schlingen wir die knusprig-braunen Stücke geradezu in uns hinein, und sie schmecken trotzdem. Kurz darauf fallen wir in unsere Betten.

Beim Blogschreiben

Am zweiten Abend gibt es Raclette - lecker!

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